Jan Voges will Fachtechnik und Berufsbildung verbinden
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Inhaltsverzeichnis
Über starke Fachregeln, kurze Wege und den Wissenstransfer in die Aus- und Fortbildung sprach DACH\LIVE mit dem Vizepräsidenten des Zentralverbandes des Deutschen Dachdeckerhandwerks(ZVDH), Jan Voges. Er verantwortet im Präsidium die Ressorts Fachtechnik und Berufsbildung. Im Interview erläutert der Dachdeckermeister mit eigenem Betrieb im niedersächsischen Lamspringe seine Ziele.
Wie haben Sie Ihre erste fachtechnische Tagung im Amt erlebt?
Als gelungenen Start. Über 40 Fachleute, anfangs naturgemäß abwartend – und kurze Zeit später waren wir mitten in der Sache. Ich bin sehr gut aufgenommen worden und wir haben direkt etwas Konkretes vereinbart. Wir wollen das Netzwerk Fachtechnik weiter ausbauen und durch einen schnellen digitalen Austausch ergänzen. So werden Fragestellungen aus der Praxis frühzeitig sichtbar und können auf kurzem Weg in die zuständigen Strukturen gelangen.
Zwei Dachdecker im Ort: Jan Voges setzt auf Kooperation statt Konkurrenz


Wie gehen Sie die neue Aufgabe an?
Zuhörend zuerst – aber mit klarem Ziel. Ich will genau verstehen, wo den Betrieben der Schuh drückt und welche Entwicklungen für das Regelwerk relevant werden. Unsere Fachregeln sind ein Fundament des Dachdeckerhandwerks. Sie geben den Betrieben Orientierung und Handlungssicherheit bei Planung, Ausführung und Bewertung. Diese Stärke wollen wir gemeinsam mit den Fachgremien bewahren und dort weiterentwickeln, wo die Praxis neue Antworten verlangt.
Neue Fachregeln brauchen mitunter länger. Warum?
Weil fachliche Belastbarkeit wichtiger ist als ein vorschneller Abschluss. Wir müssen zwei berechtigte Ansprüche zusammenführen: Die Dachdecker vor Ort brauchen praktikable Handlungsspielräume für individuelle Lösungen, Planer und Sachverständige möglichst klare Kriterien für die Bewertung. Ich kenne beide Seiten aus eigener Praxis – als Dachdeckermeister und als Sachverständiger. Diese Erfahrung hilft mir, beide Perspektiven zu verbinden und den fachlichen Dialog lösungsorientiert zu moderieren.
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Haben Sie ein Beispiel?
Ein gutes Beispiel ist das Gefälle auf dem Flachdach: Wie wird es geplant und ausgeführt, was ist geschuldet und wie sind mögliche Wasseransammlungen zu bewerten? Kommt eine Photovoltaikanlage hinzu, wird aus der Dachfläche zunehmend ein multifunktionales Nutzdach. Dann müssen Abdichtung, Entwässerung, Lasten, Wartung und Arbeitssicherheit als Gesamtsystem betrachtet werden. Deshalb braucht die Weiterentwicklung einer Richtlinie Zeit. Die aktuelle Ausgabe schafft hierzu mehr Orientierung und eine belastbare Grundlage für Planung, Ausführung und Bewertung.
„Wir Dachdecker sind Wegbereiter dezentraler Energieversorgung und effizienter Gebäudehüllen.“
Stichwort Nutzdach: Was heißt das für die Fachregeln?
Das Dach wird zur Multifunktionsfläche mit gesellschaftlichem Nutzen: Energiegewinnung durch Photovoltaik, Nachverdichtung durch Aufstockung sowie Begrünung und Regenwasserrückhalt. Wir Dachdecker sind Wegbereiter dezentraler Energieversorgung und effizienter Gebäudehüllen. Das ist keine Ideologie, sondern handwerkliche Realität. Unsere Aufgabe ist, das Regelwerk für diese Entwicklungen anschlussfähig zu halten und dort nachzuschärfen, wo neue Schnittstellen oder Schadensbilder entstehen. Das gilt auch für die Arbeitssicherheit. Die überarbeitete DGUV Information 201-056 stärkt die frühzeitige Planung geeigneter Absturzschutzsysteme. Wir prüfen sorgfältig, welche Folgerungen sich daraus für Regelwerk und betriebliche Praxis ergeben.
Neue DGUV Absturz: Sicherheit auf dem Dach planen
Wie gestalten Sie die Zusammenarbeit mit Jan Redecker und seinem Team?
Sehr partnerschaftlich und mit klaren Rollen. Jan Redecker, sein Team und die Ehrenamtlichen in den Fachausschüssen leisten die fachliche Arbeit am Regelwerk auf einem sehr hohen Niveau. Meine Aufgabe im Präsidium ist es, diese Expertise mit den Anforderungen der Betriebe und den strategischen Zielen des Verbandes zu verbinden. Dabei sind gegenseitiges Vertrauen, ein enger Austausch und verlässliche Entscheidungen entscheidend. Gute Facharbeit entsteht im Team – und auf gemeinsame Weise sollen auch die Erfolge sichtbar werden.
Dachdeckermeister Jan Redecker koordiniert praxisnahe Forschung für Betriebe
Was bringt das neue KI-gestützte Werkzeug für die Fachregeln?
Es kann das Regelwerk noch praxistauglicher und leichter zugänglich machen. Fachfragen lassen sich direkt vor Ort eingeben – auf der Baustelle, beim Kunden oder im Gespräch mit Planern. Das Werkzeug soll Antworten auf Grundlage des gültigen Regelwerks geben und die maßgeblichen Fundstellen nachvollziehbar ausweisen. Es unterstützt die Fachkompetenz, ersetzt sie aber nicht. Ich nutze die Testanwendung selbst regelmäßig und sehe darin großes Potenzial. Mein Appell an die Innungsbetriebe lautet: ausprobieren, konkrete Fragen stellen und qualifiziertes Feedback geben. Jede Rückmeldung hilft uns, das Werkzeug gezielt am Bedarf der Praxis weiterzuentwickeln.

Fachregeln und Berufsbildung: Wie passt das zusammen?
Sehr eng – und die Fachtechnik bleibt dabei der Ausgangspunkt. Was in der Regelwerksarbeit entsteht, muss verständlich in Ausbildung, überbetrieblicher Unterweisung und Fortbildung ankommen. Umgekehrt zeigt sich gerade in Bildungsstätten und Fortbildungen, welche Inhalte in der Praxis noch besser erklärt oder zugänglich gemacht werden müssen. Diese Rückmeldungen gehören zurück in die Fachtechnik. Können wir diesen Kreislauf schließen, erhöhen wir die Qualität, beschleunigen den Wissenstransfer und stärken die Handlungssicherheit unserer Fachkräfte.
Wie lassen sich Auszubildende für Fachregeln begeistern?
Indem wir sie dort abholen, wo sie lernen und arbeiten. Fachregeln gehören nicht nur ins Bücherregal, sondern auch in die Hosentasche – auf das Smartphone oder Tablet. Entscheidend ist, das Regelwerk in reale berufliche Situationen zu übersetzen. Was bedeutet die Regel für meinen nächsten Arbeitsschritt? Woran erkenne ich eine gute Lösung? Welche Folgen hat ein Fehler? Dafür brauchen wir verständliche Lernbausteine, Bilder, Praxisfälle und einen verlässlichen digitalen Zugang. Mit der geplanten Ausbildungsplattform haben wir den richtigen Rahmen. Unser Anspruch ist klar: Fachwissen wirksamer vermitteln und die Qualität der Fachkräfte von morgen steigern.
Was möchten Sie in den kommenden Monaten konkret erreichen?
Drei Dinge: Erstens wollen wir den Austausch zwischen Fachgremien, Betrieben und Bildungsstätten enger und schneller machen. Zweitens sollen fachtechnische Neuerungen systematisch in Aus- und Fortbildung einfließen. Drittens wollen wir den digitalen Zugang zum Regelwerk gemeinsam mit den Anwendern praxistauglich weiterentwickeln. Entscheidend ist, dass die Betriebe einen spürbaren Nutzen haben: mehr Orientierung, schneller verfügbares Wissen und verlässliche Grundlagen für gute Arbeit. Daran lasse ich unsere Arbeit messen.