Henkel und Söhne: Wie ein Dachdeckerbetrieb Ausbildung neu denkt

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Inhaltsverzeichnis

Wenn Timm und Jan-Henrik Henkel über ihren Betrieb sprechen, fallen zwei Begriffe besonders häufig: Verantwortung und Wertschätzung. Verantwortung für die Qualität der Dächer, die das Unternehmen in vierter Generation baut, und Wertschätzung für die Menschen, die diese Arbeit ausführen. Was nach einer Selbstverständlichkeit klingt, ist in Moringen zur Triebfeder für ein ungewöhnlich konsequentes Ausbildungskonzept geworden mit eigener Azubiwerkstatt, klarer Haltung zum Thema Nachwuchsgewinnung und regelmäßigen Aktionen mit „Handwerk zum Anfassen“.

Betriebsportrait Henkel und Söhne: Dächer vom Kupferturm bis zum Campus

Sichtbarkeit statt Zufall

Der Weg dorthin beginnt für Henkel und Söhne mit der Frage, wie junge Menschen das Handwerk überhaupt wahrnehmen. Klassische Anzeigen in Tageszeitungen funktionieren kaum noch. Stattdessen setzt der Betrieb auf professionelle Öffentlichkeitsarbeit und soziale Medien, wie Instagram und Facebook, um Auszubildende und Mitarbeiter zu gewinnen. „Unser Fokus liegt auf den Menschen“, sagt Timm Henkel. „Wenn wir keine Fachkräfte finden, müssen wir umso besser ausbilden und zeigen, was wir zu bieten haben und wie der Arbeitsalltag bei uns konkret aussieht.“

Die Idee hinter der Azubiwerkstatt

Den sichtbarsten Ausdruck findet Henkels Ausbildungsphilosophie in der neuen Lernwerkstatt, die in einem eigens dafür bereitgestellten Bereich der hohen Lagerhalle entstanden ist. Die Ausgangsfrage war ebenso einfach wie konsequent: Wie lässt sich die Ausbildung so ergänzen, dass perspektivisch versierte Vorarbeiter und Fachkräfte daraus hervorgehen? Als im Winter Schnee und Wetter viele Baustellen ausbremsten, entschieden Timm Henkel und sein Bruder Jan-Henrik, die freie Zeit zu nutzen.

„Die Idee war, dass sie das Projekt Azubiwerkstatt von Anfang bis Ende selbst planen und umsetzen.“

Die vier Auszubildenden von Henkel und Söhne bekamen den Auftrag, ihre eigene Werkstatt zu bauen. Unter Anleitung zogen sie eine neue Etage in Holzständerbauweise ein, dämmten die Wände und setzten Fenster ein. „Die Idee war, dass sie das Projekt von Anfang bis Ende selbst planen und umsetzen“, sagt Jan-Henrik Henkel. „Dazu gehörte auch, dass sie Abschnitte noch einmal zurückbauen mussten. Fehler zu erkennen und zu korrigieren, ist schließlich Teil des Lernens.“

Lernen fernab vom Baustellendruck

In der fertigen Azubiwerkstatt stehen heute fünf Modellstationen bereit: ein Steildach mit Dachsparren, eine Traufe für Dachrinnenarbeiten, ein Flachdach, eine Fassade und eine Attika. Hier üben die Auszubildenden typische Arbeiten des Dachdeckerhandwerks, wie Eindecken, Abdichten, Löten oder Montieren. Tätigkeiten, die auf Baustellen oft unter Zeitdruck stattfinden.

Die Werkstatt ergänzt Berufsschule und überbetriebliche Ausbildung. An Tagen im Betrieb werden die Auszubildenden bewusst aus den Kolonnen herausgenommen, um dort zusätzliche Praxiseinheiten zu absolvieren und bestimmte Arbeitsschritte gezielt zu trainieren. Auch Hersteller nutzen die Flächen inzwischen für Produktschulungen, was wiederum der Prüfungsvorbereitung der Lehrlinge dient.

Dass die Auszubildenden den Raum selbst mit aufgebaut haben, sorgt für eine besondere Identifikation. „Das ist jetzt ihre Lernumgebung“, sagt Timm Henkel. Wie stolz sie darauf sind, zeigte sich auch bei den Dreharbeiten für eine Bewerbung zum Wettbewerb „Die Dachkrone“, bei denen die Auszubildenden demonstrierten, was sie an den einzelnen Stationen lernen.

Ausbildung als Haltung

Die Azubiwerkstatt ist ein wichtiger Baustein eines umfassenderen Verständnisses von Ausbildung. Timm Henkel macht keinen Hehl daraus, dass er die Devise „Lehrjahre sind keine Herrenjahre” für überholt hält. Stattdessen wirbt er intern für einen respektvollen Umgang und dafür, junge Kollegen ernst zu nehmen, ohne dabei die Anforderungen zu senken.

Ausbildungsplätze sieht er längst nicht mehr als Gunst des Betriebs, sondern als ein Angebot auf Augenhöhe. „Früher waren alle froh, wenn sie übernommen wurden. Heute müssen wir eher fragen, ob die Auszubildenden bleiben wollen“, sagt er. Wertschätzung zeige sich für ihn nicht nur im Ton auf der Baustelle, sondern auch in Angeboten wie Gesundheitsförderung und Sportmöglichkeiten sowie einer Unternehmenskultur, die die langfristige Beschäftigungsfähigkeit im Blick behält, etwa durch einen gut ausgebauten Kranfuhrpark, der körperlich anstrengende Arbeiten erleichtert.

Zukunftstag: Handwerk zum Anfassen

Zum Konzept der Nachwuchsgewinnung gehörte auch die Teilnahme am Zukunftstag zur Berufsorientierung am 23. April. Zwölf SchülerInnen der Klassenstufen 5 bis 10 verbrachten einen Tag im Betrieb, einige mit handwerklicher Vorerfahrung, andere zum ersten Mal mit Werkzeug in der Hand. Nach einem Rundgang über das Gelände ging es direkt ins Praktische: In der Materialkunde lernten die Jugendlichen verschiedene Baustoffe kennen und arbeiteten anschließend an mehreren Stationen.

Mit Haubrücke und Schieferhammer schlugen sie Herzen aus Schiefer. Besonders beliebt waren die Vogelhäuschen, die die Teilnehmer aus vorgefertigten Bauteilen selbst zusammenbauten, inklusive einer kleinen hölzernen „PV-Anlage” auf dem Dach. Höhepunkt waren die Fahrten im Hubkorb eines Krans. In Arbeitshöhe über den Betriebsgebäuden bekamen die Jugendlichen ein Gefühl für die Höhen, in denen Dachdecker arbeiten. Für Timm Henkel hat sich der Aufwand gelohnt: Zwei der Teilnehmer meldeten sich direkt im Anschluss für ein Praktikum an.

Mehrere Jugendliche stehen draußen und halten selbstgebaute Nistkästen aus Holz mit herzförmigem Eingang, im Hintergrund ein gelbes Fahrzeug und ein überdachter Bereich.
Timm Henkel und Christopher Hesse mit Schülern der Klassenstufe 5 - 10 am Zukunftstag zur Berufsorientierung. (Alle Fotos: Henkel und Söhne)

Praktikum als Realitätscheck

Timm und Jan-Henrik Henkel legen großen Wert darauf, dass Interessenten vor Ausbildungsbeginn praktische Erfahrungen sammeln. Wer sich bewirbt, wird ermutigt, ein mindestens zweiwöchiges Praktikum zu absolvieren. „Ich möchte nicht, dass sich jemand drei Jahre durch eine Ausbildung quält, nur um dann festzustellen, dass es nicht passt“, erklärt Timm Henkel. Im Praktikum geht es darum, einen realistischen Eindruck vom Beruf zu gewinnen.

Dazu gehören frühes Aufstehen, Arbeiten im Team, wechselnde Wetterbedingungen und körperliche Belastung, aber eben auch das Gefühl, abends zu sehen, was man geschaffen hat. Dass dabei nicht alles von Anfang an gelingt, gehört für ihn dazu. Als ein Auszubildender nach wenigen Wochen aufgeben wollte, weil er sich auf den Dachlatten unsicher fühlte, suchte der Chef das persönliche Gespräch und nahm sich Zeit, die Situation gemeinsam zu sortieren. Der Azubi blieb mit der Erkenntnis, dass niemand nach kurzer Zeit auf dem gleichen Niveau sein kann wie Kollegen mit Jahrzehnten Berufserfahrung.

Was junge Menschen mitbringen sollten

Gefragt nach den Eigenschaften, die angehende Dachdecker mitbringen sollten, nennt Timm Henkel neben handwerklichem Interesse vor allem Teamfähigkeit, Durchhaltevermögen und ein gewisses mathematisches Grundverständnis. Die Technik auf den Baustellen werde komplexer, gleichzeitig bleibe das Arbeiten im Team der Kern des Berufs. Nicht jeder müsse später Vorarbeiter werden, betont er. Der Betrieb brauche ebenso verlässliche Gesellen, Maschinenspezialisten oder Kollegen, die bei bestimmten Detailaufgaben besonders stark sind. Entscheidend sei, dass junge Menschen im Betrieb ihren Platz finden und sich fachlich entwickeln können. Dass Ausbildung bei Henkel und Söhne mehr ist als Pflichtprogramm, zeigt sich nicht nur in der eigenen Azubiwerkstatt oder den Projekten zum Mitmachen. Entscheidend ist die Haltung dahinter: Junge Menschen sollen den Beruf realistisch kennenlernen, Verantwortung übernehmen und sich fachlich entwickeln können. Für Timm und Jan-Henrik Henkel ist Nachwuchsförderung deshalb keine kurzfristige Recruitingmaßnahme, sondern eine Investition in die Zukunft des Handwerks. Oder, wie es sich in Moringen zeigt: Gute Fachkräfte entwickeln sich dort, wo Ausbildung als Aufgabe ernst genommen wird.

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