Dirk Bollwerk: „Wir sehen uns als Anwalt der Betriebe“

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Anlässlich seiner Wiederwahl zum Präsidenten des Zentralverbands des Deutschen Dachdeckerhandwerks (ZVDH) auf der Messe Dach+Holz 2026 in Köln hat DACH\LIVE ein längeres Interview mit Dirk Bollwerk geführt. Der 55-jährige Dachdecker-, Klempner- und Zimmerermeister mit eigenem Betrieb geht in seine vierte dreijährige Amtszeit. Aufgrund der Aktualität haben wir die Materialkrise mit hohen Preissteigerungen und Lieferengpässen an den Anfang unseres Interviews gestellt.

Wie schätzen Sie die Materialkrise seit Beginn des Iran-Kriegs ein?

Wir haben viele kleinere Betriebe mit fünf, sechs Mitarbeitern. Der Chef ist allein im Büro und häufig noch mit auf dem Dach. Die Betriebe haben Aufträge angenommen und Monate später gibt es hohe Preissteigerungen und Schwierigkeiten, an Material zu kommen. Betroffen sind vor allem Dämmstoffe und Abdichtungsbahnen, aber auch Flüssigkunststoffe, Metalle und Holz werden genannt. Dachdecker müssen nun mit Herstellern und Handel diskutieren, sehen sich dem Unmut ihrer Kunden ausgesetzt, können ihre Angebote nicht halten und für kommende Projekte aktuell schwerlich Aussagen treffen.

Auswirkungen der Materialkrise am Beispiel des Betriebs Sascha Apel Dachdeckermeister GmbH & Co. KG

Wie haben Sie als ZVDH auf die Materialkrise reagiert?

Deshalb haben wir jüngst als ZVDH-Präsidium einen offenen Brief an Hersteller und Bedachungshandel verfasst und um Fairness und Transparenz bei der Preisgestaltung gebeten. Wir sehen uns als Anwalt der Betriebe, vor allem der vielen kleineren. Unsere aktuelle Umfrage zeigt sehr genau, was die Betriebe umtreibt: Lieferengpässe, hohe Material- und Energiepreise, hoher Druck, Personalmangel, Bürokratie und vor allem die Schwierigkeit, zu planen und Angebote rechtssicher zu gestalten.

Hier wollen wir unterstützen, etwa mit Musterschreiben und Checklisten. Im internen Bereich finden unsere Innungsbetriebe eine Sammlung mit allen Informationen rund um die Materialkrise. Zudem werden wir weiter mit Herstellern und Handel das Gespräch zum Thema Versorgungssicherheit suchen.

Wie möchten Sie die Zusammenarbeit im neuen Präsidium gestalten?

Gemeinsam. Und das läuft schon sehr gut an, sowohl online über Videocalls, als auch in Präsenz. Wir haben die Aufgaben neu verteilt. Jan Voges übernimmt zusätzlich zur Berufsbildung die Fachtechnik und Felix Schneider ist neben betriebswirtschaftlichen Themen für Umwelt und Nachhaltigkeit sowie Arbeitssicherheit zuständig. Dirk Sindermann zeichnet für die Öffentlichkeitsarbeit inklusive Aktion DACH und Digitalisierungsthemen verantwortlich. Es ist wichtig, dass alle gleichrangig unterwegs sind und sich mit ihrer Rolle wohlfühlen. Ich selbst sehe mich moderierend als Erster unter Gleichen.

Wie wollen Sie das Dachdeckerhandwerk auf politischer Ebene sichtbarer machen?

Es geht darum, gemeinsam lauter zu sein. Nicht als Schreihälse, sondern indem wir uns klar und deutlich mit unseren Anliegen positionieren und Gehör verschaffen. Dafür haben wir Netzwerke mit Verbündeten, die wir kontinuierlich weiter ausbauen wollen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Task Force Gebäudetechnik, in der wir uns mit anderen Klimagewerken zusammengeschlossen haben. Da können wir etwa im Rahmen der aktuellen Novellierung des Gebäudeenergiegesetzes unsere Expertise mit mehr Gewicht einbringen, zum Beispiel bei Verbändeanhörungen. Aber auch unsere Statements – aktuell zur Entlastungsprämie – die wir über alle Medienkanäle spielen, sind wichtig und tragen dazu bei, gehört zu werden. Auch hat mittlerweile ein erster Handwerksdialog in Berlin stattgefunden, das heißt, die Politik sieht das Handwerk.

Team und Trainer in traditioneller Arbeitskleidung stehen gemeinsam mit ZVDH-Präsident Dirk Bollwerk im Anzug vor einem Banner mit der Aufschrift „Dachdecker Nationalmannschaft“.
Dirk Bollwerk im Kreis der Dachdecker-Nationalmannschaft. (Foto: Zedach/Vollmer)

Ein anderes Thema: Wie wichtig ist der Partner ZEDACH?

Ich bin selbst sehr verbunden mit dem genossenschaftlichen Bedachungshandel, war vor meiner Zeit als ZVDH-Präsident auch im dortigen Aufsichtsrat engagiert. Der ZVDH und die Einkaufsgenossenschaften haben eine ähnliche Entstehungsgeschichte und DNA mit dem Grundsatz, dass wir als Betriebe gemeinsam stärker sind als allein. Sehr sichtbar wird aktuell das gute Verhältnis im Sponsoring unserer Dachdecker-Nationalmannschaft durch die ZEDACH. Das ist gemeinsame Nachwuchswerbung im besten Sinne. Da bestreiten junge DachdeckerInnen öffentliche Trainings und Wettkämpfe bis zur Weltmeisterschaft, und darüber lassen sich tolle Storys erzählen, etwa in den sozialen Medien, die ankommen bei jungen Leuten. Auf der Dach+Holz 2026 in Köln entstanden schon erste Videos, die auf TikTok sehr erfolgreich waren.

Die Dachdecker-Nationalmannschaft: Gesicht der Nachwuchskampagne!

Welche Rollen spielen Digitalisierung und KI für die Dachdecker?

Bei diesem Thema sind wir Dachdecker im doppelten Sinn Gewinner. Digitalisierung und KI bieten viele Hilfen, um den administrativen Teil des betrieblichen Alltags zu erleichtern. Da gibt es einiges, was sich automatisieren lässt. Gerade die Chefs kleinerer Betriebe können davon sehr profitieren und sich so mehr auf Baustellen und Kundengespräche fokussieren. Zugleich brauchen wir im Gegensatz zu anderen Berufen keine Angst davor zu haben, dass KI unsere Arbeit auf den Dächern übernimmt.

Wir sehen aber auch einen hohen Informationsbedarf bei den Betrieben, wenn es um Gefahren durch Cyberkriminalität geht. Daher gibt es im internen Mitgliederbereich eine eigene Rubrik rund um KI und Cybersicherheit, auch um unsere Betriebe vor Hackerangriffen zu schützen oder im Notfall die notwendigen Hilfen geben zu können. Durch unsere Partnerschaft mit der Transferstelle Cybersicherheit können wir zahlreiche kostenlose Webinare anbieten.

Warum ist das Thema Nachwuchswerbung so wichtig?

Weil wir für unsere Arbeit als Dachdecker ausgebildete Fachkräfte brauchen. Es geht nicht ohne Leute, die Know-how haben, die wissen, warum und wie sie etwas umsetzen müssen. Zudem wissen wir, wer in den nächsten Jahren in die Rente gehen wird. Wir haben bereits seit vielen Jahren steigende Ausbildungszahlen, aber wir brauchen trotzdem noch mehr Auszubildende, um die Lücke durch den Weggang der Babyboomer zu füllen.

„Unser Gewerk macht Sinn, gesellschaftlich, ökologisch, gerade mit Blick auf den Klimawandel. Und welcher Beruf kann das so von sich sagen, wie wir Dachdecker!“

Wie kann das gehen?

Wir müssen Jugendlichen, Eltern und Lehrern das Handwerk schmackhaft machen, und mit überholten Klischees aufräumen. Unser Gewerk macht Sinn, gesellschaftlich, ökologisch, gerade mit Blick auf den Klimawandel. Und welcher Beruf kann das so von sich sagen, wie wir Dachdecker! Wir sorgen für Gründächer und mit Photovoltaik für nachhaltige Energiegewinnung sowie mit Dachsanierung für Einsparungen von Energie. Sinnvolle Tätigkeit ist unser Pfund und unsere Jugendbotschafter und viele Betriebe vermitteln das bereits auf eine sehr authentische Art und Weise.

ZVDH-Präsident Dirk Bollwerk im grauen Anzug spricht mit Handgesten vor dem Hintergrund mit dem Logo des Zentralverbands des Deutschen Dachdeckerhandwerks.
ZVDH-Präsident Dirk Bollwerk. (Foto: ZVDH, Titelbild: Herzmann)

Wir sind auf zahlreichen Ausbildungsmessen vertreten, gehen in Schulen, übrigens zunehmend auch in Gymnasien und öffnen unsere Türen zum Beispiel für den Girls‘Day. Dabei unterstützen wir Betriebe mit zahlreichen Materialien: Angefangen von Flyern, Roll-ups und Give-aways über VR-Brillen bis hin zur kompletten Messeausstattung. Mittlerweile ist das Dachdeckerhandwerk in der Öffentlichkeit sehr sichtbar geworden, wovon wir profitieren. Und ein aktuelles Argument: Jobs im Handwerk sind sicher. KI kann keine Dächer decken.

Was braucht es noch?

Die jungen Menschen für die Ausbildung zu begeistern ist eine Sache. Doch zudem müssen wir verstärkt daran arbeiten, dass wir weniger von ihnen verlieren. Das heißt: Es gilt zum einen die Abbrecherquote während der Ausbildung zu verringern und zum anderen zu verhindern, dass die frischgebackenen Gesellen in andere Berufe abwandern. Dazu gehört auch, die Betriebe pädagogisch zu schulen, ihnen Hilfestellung zu geben im Umgang mit jungen Leuten und deren Bedürfnissen. Dazu werden Kurse für die Ausbildungsbeauftragten in den Betrieben angeboten, und auch der Ausbildungsknigge unterstützt bei allen Fragen rund um die Ausbildung.

„Für die vierte Amtszeit habe ich mir Gemeinsamkeit und Einigkeit als Zielrichtung gesetzt. Daran arbeiten wir mit großem Engagement im Präsidium und haben jetzt schon einen großen Schritt gemacht.“

Was haben Sie sich persönlich vorgenommen für Ihre vierte Amtszeit?

Es ist manchmal unfassbar für mich, dass es schon neun Jahre sind. Zwei, drei Jahre habe ich gebraucht, um voll und ganz anzukommen im Amt, dann kam Corona und hat uns alle vor ganz besondere Herausforderungen gestellt. Für die vierte Amtszeit habe ich mir Gemeinsamkeit und Einigkeit als Zielrichtung gesetzt. Daran arbeiten wir mit großem Engagement im Präsidium und haben jetzt schon einen großen Schritt gemacht. Und es gilt die Landesverbände, die Innungen und Betriebe mit ihren Erfahrungen und auch kritischen Äußerungen ernst zu nehmen und einzubinden, damit wir insgesamt als Dachdeckerhandwerk in eine Richtung gehen. Das ist wichtig, denn ein solcher Einklang ist die Basis für eine starke Haltung nach außen!

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